Journalismus auf neuen Wegen

Bloggen ist auch für den Journalisten ein wichtiges publizistisches Instrument geworden. Jeder Journalist, der dieser Tatsache den Rücken zukehrt - aus welchen Gründen auch immer - kämpft sehr bald alleine gegen Windmühlen. Ohne Rosinante. Journalistikstudenten werden solche neuartigen Werkzeuge mittlerweile schon im Studium beigebracht. »Aber es wäre ein Fehler zu denken, das alleine wäre es, was die neuen Medien für den Journalismus bedeuten«, sagt auch Jeff Jarvis, ein bloggender amerikanischer Journalist und Professor für interaktiven Journalismus an der City University of New York. Durch neuartige Werkzeuge entstehen neue Beziehungen. Man kann Jarvis also nur recht geben, wenn er sagt: »Es geht um das Verständnis dieser veränderten Beziehung zum Publikum.«

Mauern einreißen und die Brücke zum Publikum zu bauen ist der entscheidende Ansatz. Print bleibt Print. Es ist falsch davon auszugehen, dass Menschen dem Printbereich weniger Bedeutung beimessen werden, selbst wenn die Nutzung der Online-Medien stetig zunimmt und damit den Printbereich ablöst. Jedoch bewegt sich die Kommunikation nun in beide Richtungen. Sender werden Empfänger und Empfänger werden Sender. Ein stetiger Rollentausch, der vorher im Prinzip schon gedacht war, allerdings an den technischen Möglichkeiten scheiterte. Bürger bzw. die Rezipienten müssen in den Prozess des Nachrichtenmachens mit eingebunden werden. Sie sollen und können dem professionellen Journalisten nicht ersetzen, aber sie sind in der Lage, ihn zu ergänzen.

Es geht natürlich auch um die Frage nach der Relevanz und der wiederum damit verbundenen Frage nach Qualität. Für den professionellen Journalisten bedeutet das, sich neue mediale Schlüsselqualifikationen anzueignen, die neuen publizistischen Werkzeuge (Blogs) zu erlernen und sie gezielt einzusetzen. Anstatt die fallenden Mauern, die den professionellen Journalisten früher von der Leserschaft trennten, wieder hochzustemmen muss er moderieren, kontrollieren und seinen Lesern zuhören. Viele Leser wissen mehr als ein einziger Journalist. Sie steuern mehr dazu bei, dass ein Thema durch die Möglichkeit zur Diskussion die nötige Aufmerksamkeit erhält. Und sie nehmen sich selbst der Themen an. Der ehemalige Empfänger darf nun auch der Sender sein und wird darüber hinaus auch weiterhin ein Empfänger bleiben. Darüber kann man schimpfen wie man will. Es ist völlig verkehrt davon auszugehen, dass hier ein Kampf zur Kräfteumverteilung stattfinden soll. Wie soll das auch funktionieren? Etwa indem große Boulevardblätter ihren Lesern Presseausweise zur Verfügung stellen und hinter vorgehaltener Hand quasi zum Paparazzing aufrufen? Bei diesem Vorfall durften sich Hobby-Journalisten in einen Bereich vordrängeln, der ihnen nicht gehören darf. Im Printbereich muss es eindeutig und professionell zugehen, weil hier keine direkte Diskussion stattfinden kann. Diese findet online statt. Wenn Hobby-Journalisten in den - so sollte man meinen - relevanten Printbereich vordringen, kann das nur gefährlich werden.

Die Profis jammern zu Recht, dass damit ihre qualitative Arbeit herabgewürdigt wird und immer mehr der Sensationsgeilheit (bezüglich der Presseausweisverteil-Aktion) weicht. Durch solche Aktionen werden Mauern unter der Fuchtel der öffentlichen Wahrnehmung definitiv wieder aufgebaut. Es führt dazu, dass der Konflikt beider Parteien (die Profis und die Laien) verschärft wird und man sich vor dem Potential der gemeinsamen Entwicklung verschließt. Der Hobby-Journalist kann den professionellen Journalisten nun mal nicht ersetzen. Jenes ist auch nicht seine Absicht.

Der Journalismus wird durch das Einbinden der Leser nicht eingeengt, im Gegenteil, er wird weiter wachsen können. Das kann er jedoch nur, wenn er seine alte Form ablegt und mutig die neuen Wege geht, die eben geschaffen werden durch Sender und Empfänger. Blogs sind in dieser Hinsicht revolutionäre Werkzeuge, die diese neue mediale Vernetzung erst möglich gemacht haben. Auf welcher Seite der Journalist und auf welcher der Leser steht, wird in Zukunft irrelevant sein. Der Profi wird filtern, leiten, steuern, seine berufsbedingte Skepsis richtig einsetzen müssen und er wird den Prozess des Nachrichtenmachens teilen müssen.

Der große Kraftakt ist, zu verstehen, dass der Beitrag eines Lesers, trotz des Mangels der Fähigkeit zu journalistischer Objektivität, zu einem bestimmten Thema mehr auszudrücken vermag, als ein korrekter und objektiver Beitrag von einem professionellen Journalisten. Jener sollte - wenn auch zähneknirschend - die Kontrolle behalten, sich mit einbinden, Informationen zu brisanten oder emotionsschwangeren Themen liefern. So wird auch er seinen Nutzen daraus ziehen können. Er würde von dem Wissen, den individuellen Eindrücken und der persönlichen Erfahrung des Lesers profitieren. Er muss nur richtig zuhören. So wie es die Leser bereits vor den Zeiten der großen Vernetzung gemacht haben.

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